Warum vertrauen wir gewissen Menschen mehr als anderen. Auf diese Frage gibt es viele Antworten. Mich verblüffen und faszinieren immer wieder Menschen, die offensichtlich wichtige Regeln der Vertrauensbildung bewusst oder auch unbewusst ignorieren und es dennoch schaffen, Kunden und Mitarbeitende in ihren Bann zu ziehen.
Betrachten wir Beispiele von Verhaltensweisen zweier fiktiver Führungspersönlichkeiten. Herr Müller und Herr Berger haben beide eine Funktion als Projektleiter und sind sich in vielen Belangen ähnlich:
• sie arbeiten im selben Unternehmen,
• sind 60 Jahre alt,
• haben bereits in vielen Ländern mehrere Milliardenprojekte erfolgreich abgewickelt,
• weisen die selbe akademische Ausbildung aus,
• agieren als Mentor für jüngere Mitarbeitende
• und führen Teams von bis zu 50 Mitarbeitenden.

In der Führung sowie im Umgang mit sich selbst verhalten sie sich hingegen völlig unterschiedlich.
Beispiel 1: Herr Müller ist immer zu sprechen, wenn Mitarbeitende Feedback suchen. Er ist sehr kommunikativ, extrovertiert, teilt seine  Erfahrung gerne und es scheint, dass er regelmässig und transparent informiert. Meetings leitet er äusserst wortgewandt.
Beispiel 2: Herr Berger hingegen verschwindet früh morgens in seinem Büro und wird oft den ganzen Tag nicht mehr gesehen. Mitarbeitende stehen oft vor verschlossener Türe und zögern, ob sie eintreten und um Rat fragen dürfen. Herr Berger ist zudem sehr wortkarg und Gespräche enden oft in einem Monolog.
Auf die Frage, welchem der beiden Projektleiter sie ihre Anliegen lieber schildern würden, antworten die meisten Menschen: „Ich würde ganz klar Herrn Müller vertrauen!“
Umso erstaunlicher ist es, dass Herr Berger in seiner Rolle weltweit ein viel grösseres Ansehen und Vertrauen bei Kunden und Mitarbeitern geniesst als Herr Müller. Der Grund liegt in einigen besonderen Verhaltensweisen, die Herrn Berger als Persönlichkeit auszeichnen.

1. Mikro-Management versus Grosszügigkeit

Herr Müller delegiert zwar Aufgaben, kontrolliert und korrigiert diese anschliessend aber oft mit Akribie und in Eigenregie ohne die Mitarbeitenden zu informieren. Er begründet dieses Verhalten mit Effizienz und Minimierung von Risiken. Geht es um finanzielle Anreize für besondere Leistungen zögert Herr Müller sehr oft und ringt um eine Entscheidung. Herr Berger delegiert ebenfalls –  ungeachtet des Schwierigkeitsgrades – und kontrolliert, korrigiert jedoch niemals in Eigenregie. Er gibt konstruktives Feedback und jedem Mitarbeitenden eine zweite, ja gar dritte Chance, auch bei groben Fehlern. Herr Berger entscheidet schnell und grosszügig. Mitarbeitende empfinden diese Verhaltensweisen als eine tiefe Wertschätzung für ihre Arbeit.

2. Rampenlicht versus natürliche Autorität

Herr Müller geniesst es, im Rampenlicht zu stehen. Nichts spricht dagegen, doch selten lässt er Mitarbeitende ihre eigenen Resultate präsentieren, aus Angst, sie könnten Fehler begehen. Herr Berger präsentiert selten, ja nicht einmal seine eigenen Resultate. Ein solches Verhalten ist nicht etwa durch seine Wortkargheit, sondern durch das authentische Bestreben geprägt, auch anderen eine Plattform zu geben, um vor wichtigen Entscheidungsträgern zu brillieren. Sein Verhalten fördert das Vorankommen anderer.

3. Schriftliches versus mündliches Feedback

Herr Müller ist sehr eloquent. Trotzdem gibt er Kunden sowie Mitarbeitenden, auch wenn diese nur eine Türe weiter entfernt sitzen, Feedbacks ausschliesslich per E-Mail. Das schriftliche Wort benötigt nicht nur mehr Zeit sondern birgt auch die Gefahr, dass jedes einzelne Wort aus der Sicht des Lesenden anders verstanden werden kann. Letzteres löst oft Konflikte aus.  Herr Berger hingegen schreibt selten E-Mails, greift eher zum Telefon und nimmt sich oft die Zeit für ein mündliches und direktes Feedback. Dieses Verhalten zeugt von Mut und einem gesunden Selbst-VERTRAUEN.

4. Die Macht des Schweigens

Herr Müller gibt eloquent und sehr kompetent Auskunft, doch lässt er andere durch seinen Redeschwall nur selten zu Wort kommen. Oft steht sein Ego anstelle des Kunden im Mittelpunkt. Herr Berger gibt während mehrstündigen Workshops oder Meetings mit wichtigen Entscheidungsträgern oft kein einziges Wort von sich. Kunden fragen mich dann erstaunt, was er wohl denkt. Das Schweigen löst bei vielen etwas Geheimnisvolles aus und erzeugt grosse Aufmerksamkeit. Im entscheidenden Moment spricht er dann nur wenige, doch ganz klare Worte und die meisten sind erstaunt wie viel er mit wenigen Worten ausdrückt. Dem Schweigen wird Überlegenheit, die Kunst des Zuhörens sowie Bescheidenheit attestiert. Dieses Verhalten kommt nicht nur bei uns im Westen, sondern vor allem auch in asiatischen Kulturen sehr gut an.

5. Wahre Wertschätzung auch hinter verschlossener Tür

Herr Müller scheint zwar immer Zeit für seine Mitarbeitenden zu haben, doch während der Gespräche erledigt er gleichzeitig andere Dinge. Suchen Mitarbeitende Rat, nimmt sich Herr Berger trotz verschlossener Türe immer Zeit und lässt alles liegen, um seinen Mitarbeitenden die volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Zusammenfassende Folgerung

Zusammenfassend folgere ich, dass Herr Berger als Projektleiter vor allem aus 2 Gründen grösseres Vertrauen gewinnt und geniesst:

1. Durch aktives Zuhören, bescheidenes Auftreten, ehrliches und rasches Feedback, Entschlossenheit sowie Klarheit in der Kommunikation erweist er seinem Umfeld grosse Wertschätzung.

2. Das unter 1) beschriebene Verhalten ist darauf zurückzuführen, dass Herr Berger über ein sehr grosses Selbst-VERTRAUEN verfügt.

Letztendlich können wir der Umwelt nur das geben, was wir bereits besitzen. Zugleich ist die Umwelt immer der Spiegel der inneren Welt: Selbst-Vertrauen erzeugt Vertrauen im Aussen und wird von anderen zurückgespiegelt.
Zudem wurde mir einmal mehr klar: Fachkompetenz ist wichtig, doch nicht allesentscheidend. Auch unerfahrene Menschen oder Quereinsteiger können somit mit dem richtigen Verhalten ein hohes Mass an Vertrauen geniessen.