Rishikesh

März 2014, Rishikesh, Indien, ungefähr 225 km nordöstlich von Delhi. Für viele Inder genauso wie für ausländische Pilger einer der heiligsten Orte dieser Erde. Andere sehen nicht mehr als ein Drecksloch, überschwemmt von Tausenden von Touristen, die hier nach dem Sinn des Lebens suchen.

Für mich, nach 15 Jahren Geschäftstätigkeit in Indien, ein Muss. Nicht etwa um die Erleuchtung zu finden, sondern ganz einfach um den Puls einer weiteren spannenden Stadt in einem der grössten Wachstumsmärkte dieser Erde zu fühlen.

An einem feuchtheissen Sonntag nehmen wir unser Abenteuer in Angriff. Kurz vor der Abfahrt fragt mich mein langjähriger indischer Geschäftspartner Sri, ob Ankur, einer seiner besten Freunde, uns begleiten dürfe. Ich habe keine Einwände und so machen wir uns am späten Nachmittag auf, um Rishikesh in Ankur‘s klapprigem Jeep rechtzeitig vor Sonnenuntergang zu erreichen.

Schon einige Kilometer vor unserem Ziel sehe ich Tausende von Pilgern und selbsterkorener Gurus. Spätestens jetzt bereue ich meinen Entscheid, diesen heiligen Ort besuchen zu wollen. Mit viel Glück ergattern wir einen der letzten Parkplätze.

Verzweiflung

Ich öffne die Türe und stelle meinen Rucksack neben die Fahrertür. In all den Jahren auf meinen vielen Reisen in die entlegensten Winkel dieser Erde war mir noch nie etwas gestohlen worden. Doch in diesem Moment greift eine Hand von hinten nach meinem Rucksack und ein kleinwüchsiger Mann verschwindet mit meiner kompletten Video- und Fotoausrüstung in der wirren Menschenmenge: Es ist Ankur, der beste Freund meines Geschäftspartners.

Verdutzt und zugleich verzweifelt schaue ich Sri in die Augen. Dieser versucht mich zu beruhigen. Doch für mich gibt es nur eins: möglichst schnell und um jeden Preis meinen Rucksack zurückzukriegen. Schnellen Schrittes quäle ich mich durch das Menschenchaos. Von Ankur und meinem Rucksack keine Spur.

Misstrauen, Wut, Vertrauensverlust

Tiefstes Misstrauen, Ängste, Wut und Verzweiflung kommen in mir hoch. Alles scheint verloren: meine wertvolle Ausrüstung, wertvolle Videoaufnahmen – dummerweise ohne Backup – und mein Vertrauen in eine Kultur, welches ich während Jahren mühsam aufgebaut hatte. Nach 45 Minuten erreiche ich erschöpft und entnervt den Ganges.

Erleichterung

Plötzlich erblicke ich Ankur, der am Flussufer sitzend meinen Rucksack engumschlungen in seinen kräftigen Armen hält. Sofort überkommt mich ein Gefühl grosser Scham und stärker noch, als Ankur mir erklärt, dass es sicherer sei, ihm, einem Ortskundigen, die wertvollsten Dinge zu überlassen. Mit Erleichterung und einem warmen Gefühl des Vertrauens überlasse ich ihm für den Rest des Abends meinen Rucksack.

Erleuchtung

Und tatsächlich finde auch ich an diesem Abend meine Erleuchtung. Nicht etwa weil ich einen der vielen selbsterkorenen Yogi konsultiert hatte, welche naiven Touristen das Geld aus der Tasche ziehen, sondern weil mir Sri auf meine Frage hin, wer denn Ankur wirklich sei, lächelnd offenbart: „Ankur ist einer der reichsten Männer Indiens, er besitzt 25 Firmen und ein Immobilienimperium“.

Weder sein äusseres Erscheinungsbild noch sein klappriger Jeep hätten dies erahnen lassen. Doch noch viele einschneidender war die Erkenntnis, dass jemand, der sich sehr wahrscheinlich Dutzende von Bediensteten leisten kann, über Stunden ohne Aufforderung oder Bitten meinen Rucksack durch eine tobende und unberechenbare Menschenmenge schleppt.

Bedingungslose Wertschätzung

Was viele erfahrenen Führungskräfte bei ihren Mitarbeitern nach Monaten oder gar Jahren nicht erreichen, hat ein Unbekannter in wenigen Stunden geschafft: Indem er den Rucksack eines Unbekannten schleppte und eine grosse Verantwortung übernahm, bewies er mir gegenüber bedingungslose Wertschätzung und schuf tiefstes Vertrauen und eine starke emotionale Bindung. Und genau so gewinnt man nachhaltig Menschen. Gemäss einer Umfrage von JobScout24 ist Wertschätzung mit 39% der meistgenannte Faktor, wenn es um die nachhaltige Mitarbeiterbindung geht.

Somit müssen wir uns in Zukunft die entscheidende Frage stellen: Wie können wir Menschen mehr Wertschätzung zeigen? Denn genau diese Fähigkeit zeichnet Führungskräfte aus, Vertrauen und eine starke emotionale Bindung schaffen und die Menschen motivieren und begeistern.

People Business

Es wäre doch so einfach: Oft fängt es mit kleinen Dingen, die wir oft als selbstverständlich erachten, aber doch oft fehlen, an. Z.B. mehr Zeit füreinander finden, jemandem zuhören, spontan und bedingungslos einen Gefallen tun oder unsere Hilfe bzw. Dienste ohne Hoffen auf Gegenleistung anbieten. Führung ist immer noch People Business.

Allein das echte Interesse am Menschen, wie etwa an seinem situativen Verhalten, seinen Vorlieben oder Talenten, kann viele Türen öffnen.